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Die Spielefresser-Rezension: Homeworld Remastered (PC)

Homeworld ist der Klassiker der dreidimensionalen Weltraumstrategie. 1999 schuf Relic ein visuelles Meisterwerk, dessen ikonisches Artdesign und zum Schneiden dichte Atmosphäre bis heute wenig an Faszination verloren haben. Im Zuge der THQ-Pleite kaufte Gearbox die Marke für lächerliche 1.35 Millionen Dollar und kündigte umgehend eine Neuauflage des Klassikers an. Seit ’99 ist allerdings ziemlich viel Wasser die Elbe runtergeflossen. Kann Homeworld sechzehn Jahre nach Erstveröffentlichung spielerisch immer noch überzeugen?

Jede Szene ein Gemälde

Ich sitze mit offenem Mund vor dem Monitor. Mit einer sachten Bewegung schwenke ich die Kamera langsam um einen Zerstörer, der von einem wütenden Schwarm aus Abfangjägern, Bombern und Korvetten umschwirrt wird. Mit würdevoller Anmut richtet das mächtige Großkampfschiff seine Strahlenkanonen auf eine Fregatte des Feindes und mit einem Fauchen speien die Geschütze gleißenden Tod durch das Vakuum. Das Ziel wird von Explosionen erschüttert und sackt kurz nach unten, bevor es in einem Feuerball vergeht. Abschuss. Was für ein Anblick.

Jedes Bild ist ein Gemälde. Die technische Überarbeitung ist fantastisch.

Die Überarbeitung von Homeworld ist nicht einfach nur schön. Nein, hier ist wirklich jeder Moment, jeder Kameraschwenk, jedes Gefecht ein Gemälde. Das nach wie vor einmalige Artdesign der Fregatten, Jäger und Schlachtschiffe wird durch die überarbeiteten Schiffsmodelle besser in Szene gesetzt als je zuvor. Zudem unterstreichen die modernisierten Lichteffekte und Schattenwürfe die farbenfrohen Schlachten und verleihen dem Weltraum eine unerreichte Tiefe – der überarbeitete Klassiker hat die vielleicht schönsten Raumnebel, Asteroidenfelder und Planeten die ich jemals in einem Videospiel gesehen habe.

Spieldesign für morgen – von gestern.

Doch nicht nur die Kulisse ist hübscher als so manch modernes Star Craft oder C&C. Auch das nur minimal überarbeitete und mechanisch an den ebenfalls in der Remastered-Sammlung enthaltenen Nachfolger angepasste Spieldesign wirkt modern und zeitgemäß. Ich kommandiere meine von Mission zu Mission wachsende Flotte nämlich in einem vollständig dreidimensionalen Raum, kann also auch die Tiefe des Weltalls ausnutzen, um dem Feind von „oben“ oder „unten“ in den Rücken zu fallen und dabei gezielt die Schwachstellen der Panzerung seiner Korvetten und Zerstörer angreifen. Das war vor sechzehn Jahren eine spektakuläre technische Revolution – und fühlt sich auch 2015 immer noch verdammt frisch an.

Es gibt neun Formationen, gemischte Verbände und die Waffengattungen reichen vom Jäger bis zum Abfangkreuzer mit Schwerefeldgenerator. Dabei fügt sich während des Gefechts alles organisch ineinander. Nichts wirkt hier aufgesetzt oder erzwungen. Stattdessen tüftele ich an der richtigen Zusammensetzung meiner Flotte, plane dank Wegpunktsystem ausgeklügelte Manöver oder beobachte einfach nur meine Sammler beim Andocken an eine meiner mobilen Ressourcen-Raffinerien. Zwar wurde für die Überarbeitung das Nachtanken der Jägerstaffeln im Gefecht und die Fernwartung der Reparaturschiffe entfernt, ansonsten hält man sich aber eng an die mechanischen Grundlagen von 1999.

Eine melancholische Weltraumoper

Doch nicht nur das Spieldesign setzte damals Maßstäbe. Auch die Geschichte der Kushan, deren Heimatplanet aufgrund eines verletzten Hypersprung-Embargos ausgelöscht wird, fesselte durch eine spannende Inszenierung und die unheimlich atmosphärische Erzählung. Die auch heute noch herausragende Handlung wird durch Zeichnungen in schwarzweiß vorangetrieben, die zusammen mit dem hervorragend modernisierten Soundtrack und der  exzellenten Sprachausgabe eine melancholische Weltraumoper spinnen.

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Kamera schwenken und genießen: Die feinen Andock-Manöver sind eine Augenweide.

Im Zentrum der Handlung steht das verwundbare Mutterschiff, das so viel mehr ist als nur eine mobile Basis. Es ist die letzte Arche eines ganzen Volkes und Heimstatt hunderttausender Kolonisten im Kälteschlaf. Auf der Reise quer durch die Galaxie trifft man auf religiöse Fanatiker, fiese Weltraum Piraten und imperiale Kriegsschiffe, die gnadenlos ihre Befehle befolgen. Dabei muss ich meine stählerne Heimat u.a. unbeschadet durch riesige Meteoritenfelder navigieren, mich gegen feindliche Flotten verteidigen und diejenigen zur Strecken bringen, die meine Heimatwelt vernichtet haben.

Missionsdesign mit Fehlerchen

Doch gerade das Missionsdesign von Homeworld war nicht perfekt – und ist es auch heute nicht. Viele der 16 Einsätze basieren auf Triggern, die besser so spät wie möglich ausgelöst werden. Wird mir z.B. aufgetragen mich einem harmlosen Schiffswrack zu nähern oder eine unschuldige Anomalie zu untersuchen, ist es fast immer sicherer damit so lange zu warten, bis alle Ressourcen in Reichweite geerntet und meine Flotte so stark wie möglich aufgerüstet ist. Ansonsten sehe ich mich schnell einer unbesiegbaren Übermacht und einem Neustart gegenüber.

Besonders anstrengend wird dieses Muster, wenn man den Garten von Kadesh erreicht. Hier ist man über zwei Missionen den unaufhörlichen Angriffen riesiger Jägerschwärme ausgesetzt, die schnell zu einem störenden Trial-and-Error Führen. Dieses beginnt zu allem Überfluss in der Mission zuvor, da man hier die Flotte für den nächsten Einsatz zusammenstellt. Als meine Armada aus Flak-Korvetten und Zerstörern den letzten der Angreifer nach einem harten Gefecht schließlich in Sternenstaub verwandelt hatte, war ich froh, diesen Garten nicht so schnell erneut betreten zu müssen.

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Das ikonische Artdesign der Raumschiffe ist auch sechzehn Jahre nach Erstveröffentlichung über jeden Zweifel erhaben.

Dennoch ist das Meckern auf ganz hohem Niveau: Die Einsätze überzeugen weitestgehend durch eine packende Inszenierung, unheimlich fordernde Gefechte, fähige KI-Gegner sowie eine jederzeit zum Schneiden dichte Atmosphäre, deren Wucht durch die mächtigen Choräle und den grandios vertonten Funkverkehr der Flotte verstärkt wird. Dies wird auch nicht durch den aus Homeworld 2 bekannten, dynamischen Schwierigkeitsgrad geschmälert, der nun auch im ersten Teil eingeführt wurde und starke Spieler-Flotten mit mehr Feindschiffen konfrontiert.

Kombinierter Multiplayer

Wer nach den Kampagnen von Homeworld 1&2 immer noch Lust auf große und kleine Weltraumschlachten hat, kann dieser Leidenschaft im neuen, kombinierten Multiplayer frönen. Hier ist es erstmals möglichen die Rassen beider Klassiker gegeneinander antreten zu lassen. Auf 23 Karten kann man gegen Spieler oder KI-Gegner in vier Schwierigkeitsstufen antreten. Eine äußerst gelugene Fusion, zumal die alten Mehrspieler-Modi aufgrund der Anbindung an den mittlerweile abgeschalteten Gamespy-Dienst nicht mehr funktionsfähig sein dürften.

Die mächtigen Zerstörer verwandeln Fregatten und Korvetten schnell zu Sternenstaub

Apropros alt: wer es ganz klassisch möchte, kann auch auf die ebenfalls in der Sammlung enthaltenen Klassiker zurückgreifen. Hier muss man zwar auf optische Pracht und im Fall von Homeworld 1 auch auf eine Breitbild-Auflösung verzichten, bekommt dafür aber auch ungefilterte und nach wie vor äußerst hochwertige Nostalgie geliefert. Einzig auf das Add-On Cataclysm muss verzichtet werden, da der Source-Code verloren gegangen ist.

Fazit

Dieser futuristische Krieg zwischen den Sternen fasziniert mich heute noch genau wie vor sechzehn Jahren. Ich habe jedesmal Gänsehaut, wenn meine Flotte von mächtigen Chorälen begleitet ins Gefecht zieht. Mit glänzenden Augen beobachte ich jede Salve und genieße die unvergleichliche Atmosphäre dieser endlosen Weiten. Doch Homeworld überzeugt auch mit inneren Werten: Umfangreiche, komplexe und knallharte Weltraum-Taktik trifft hier auf eine tragische und zutiefst melancholische Erzählung, die so manche große Zelluloid-Weltraumoper blass aussehen lässt. Sieht man von den etwas unfairen Triggern ab bietet die Kampagne des Klassikers ein bis heute herausragendes spielerisches und erzählerisches Niveau, das nur vor dem exzellenten Artdesign der Jäger, Fregatten, und Zerstörer übertroffen wird. Relic hat 1999 ein Monument der Echtzeit-Strategie geschaffen, das dank Gearbox heute so strahlt wie nie zuvor. Grandios.

 

 
Eike Cramer

Eike Cramer

Dummerweise schon 26, derzeit Online-Redakteur und beruflich mit der Spielebranche verbunden. Verzweifelt regelmäßig an Johnnys magischen Fähigkeiten jedes Spiel aus dem Stand zu beherrschen und ist jederzeit für eine kleine Runde Sportsfriends ("Le gól") zu haben.

 

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