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Der Spielefresser-Kommentar: Von Eidechsen und Spielenetzwerken

Für die führenden Konsolenhersteller ist über Weihnachten 2014 der wohl größte anzunehmende Unfall eingetreten: Sowohl Xbox Live als auch das PlayStation Network haben sich am 25. Dezember kollektiv verabschiedet und eine wohlverdiente Weihnachtspause gegönnt. Ärgerlicher Nebeneffekt: Während die Serverfarmen gemütlich auf Hawaii in der Sonne lagen und ihre Schaltkreise bräunten, wollten Millionen Neu- und Altbesitzer ihre Konsolen anschmeißen und ihre Geschenke testen.

LizardSquad gegen den Rest der Spielewelt

Wäre dies das Jahr 2004 – und Konsolen eben noch Konsolen und keine Quasi-PCs mit dauerhafter Internet-Sucht – hätte vermutlich kaum jemand gemerkt, dass sich die großen Netzwerke in die Ferien verabschiedet haben. Da aber 2014 beinahe jeder Titel ein mehrere Gigabyte wiegendes Update benötigt, um vernünftig zu starten (und der gemeine Spieler an sich ohne Facebook- und Netzwerk-Anbindung ohnehin kaum weiß, wozu er diese ganzen Trophys und Auszeichnungen überhaupt sammeln soll), war Weihnachten für viele gelaufen. Zumindest wenn ich meinem Twitter-Stream Glauben schenken möchte. Immerhin braucht das überaus mittelmäßige Rollenspiel Dragon Age: Inquisition für die interaktive Einbindung der Vorgeschichte eine Internetverbindung – genau wie das Always-Online-Rennspiel The Crew oder der MMO-Shooter Destiny. Und wer Sonys DriveClub unter dem Weihnachtsbaum liegen hatte, konnte sich vielleicht die letzten 25 Updates ziehen, die es braucht um überhaupt so etwas wie grundlegende Spielfunktionalität herzustellen – im Anschluss dürfte sich aber das gleiche Bild wie im Release-Monat geboten haben:

Driveclub_Server_Fehler

Spätestens jetzt dürfte auch der letzte Systemdesigner bei Microsoft geschnallt haben, warum es vielleicht ganz gut war die dauerhafte Netzwerk-Anbindung der Xbox One in letzter Sekunde zu kippen. Und obwohl das PSN mal wieder deutlich länger für den Rückflug von Hawaii nach Japan gebraucht hat, wird man sich ob der Offline-Funktionalität der PS4 im Sony-Headquarter wohl mehr oder weniger heftig auf die Schultern klopfen. Danke! Gut gemacht Jungs! Immerhin bezahlen wir so nur 5 Euro im Monat für einen Service den wir nicht unbedingt brauchen, wenn er es sich mal wieder in der Sonne gemütlich macht und wir eine gepflegte Runde Offline-Skat spielen wollen. Vielleicht hielt eure IT “12345Nase” aber auch mal wieder für ein “sicheres Master-Passwort”, das hat ja 2011 schon ganz famos funktioniert.

Schuld für den Ausfall der Netzwerke ist, ganz nebenbei, offenbar der übermotivierte Internet-Aktivismus unserer Lieblingshacker von LizardSquad, die sich immer mal wieder für Hacks und Einbrüche rühmen und schon im August Sony, Microsoft und Blizzard attackiertenBereits am 8. Dezember kündigten die Eidechsen an, dass Xbox Live über Weihnachten “offline gehen werde”.  Vielleicht ist es dieser Warnung zu verdanken, dass Microsoft seine Server relativ zügig gegen die scheinbar recht massiven Denial-of-Service-Angriffe der schuppigen Jungs abschirmen konnte. Zudem könnte geholfen haben, dass das “Mega”-Enfant-Terrible Kim Dotcom den Echsen-Boys angeblich ein Angebot gemacht hat, was sie nicht ablehnen konnten. Sony, noch mit den Wirren des SEN-Hacks beschäftigt bei dem Unmengen von Daten in wohl locker zwei bis dreistelligem Millionenwert abhanden gekommen sind, wurde wohl erneut in einer ungedeckten Flanke attackiert. Das allerdings ist wenig verwunderlich bei der Glanzleistung von Firmensicherheit, die die Japaner bisher an den Tag gelegt haben. Welche Ziele Lizardsquad verfolgt – und ob es neben “haha, Chaos” überhaupt welche gibt, ist übrigens nach wie vor unklar. Wenn sie die versammelte Spielerwelt gegen sich aufbringen wollten, haben sie das aber wohl recht effizient hinbekommen. Immerhin wurde uns so erneut die Schwäche unserer digitalen Infrastruktur und unsere Abhängigkeit von unsicheren Datenkanälen vor Augen geführt. Na dann, Prost Mahlzeit Neujahr.

Kleine Anekdote am Rande: Für einige Medien-Kollegen war auch für die PSN-Pause über Weihnachten erstmal Nordkorea verantwortlich. Liest sich aber auch besser: “Kim schaltet PlayStation aus” ist einfach schmissiger, als diesen ganzen Hacker-Kram erstmal erklären zu müssen.

 

 
Eike Cramer

Eike Cramer

Dummerweise schon 26, derzeit Online-Redakteur und beruflich mit der Spielebranche verbunden. Verzweifelt regelmäßig an Johnnys magischen Fähigkeiten jedes Spiel aus dem Stand zu beherrschen und ist jederzeit für eine kleine Runde Sportsfriends ("Le gól") zu haben.

 

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